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  • Fabia Zermin

'Und, wie war deine Geburt?' 'Schön! Oder....?'

Diesen Text zum Thema der Geburtsverarbeitung durfte ich für einen Gastartikel bei letsfamily.ch verfassen.



Es kommt erstaunlich selten vor, dass wir auf unser Geburtserlebnis angesprochen werden. Dabei dürfte es selbstverständlich sein darüber zu reden. Von Frau zu Frau, Vater zu Vater, von Mensch zu Mensch. Und wenn die Frage dann doch mal kommt, weiss man im ersten Moment gar nicht, wie antworten. Zumindest ging es mir öfters so.


Von den Erwartungen der Gesellschaft


Darf man bei der Frage nach der Geburt rundweg sagen: es war eine schlechte Erfahrung? Oder darf man der Freundin, von der man weiss, dass sie schwierige Geburten hatte, sagen: Es war die schönste Erfahrung meines Lebens? Was gesellschaftlich oder auch einfach zwischenmenschlich von uns erwartet wird, spielt oft in eine Antwort mit hinein rein.

Dabei lohnt es sich, sich in einer stillen Minute (wenn nicht grade ein Kind auf einem herumturnt) zu fragen, ja wie war denn die Geburt für mich? Und das ganz ehrlich für sich zu beantworten. Damit du, wenn du danach gefragt wirst, eine authentische, ehrliche Antwort geben kannst. Eventuell etwas anders formuliert, je nachdem wer fragt.

Dass das, wie wir die Geburt erleben, vielschichtig ist, macht durchaus Sinn, wenn wir die Komplexität und die Tragweite dieses Ereignisses betrachten. Und so gibt es bei jeder noch so schönen Geburt Aspekte, die wir uns anders gewünscht hätten. Und bei jeder noch so herausfordernden Geburt gibt es Aspekte, die nährend und schön waren.


Von traumatischen Geburten


Sobald das gesunde Kind in deinem Arm liegt, ist doch alles gut, oder? Schwamm drüber, alle Strapazen vergessen. Und doch ist das lange nicht immer so. Da kann der innere Schmerz, die Überwältigung, die Scham, die Hilflosigkeit Wunden hinterlassen, die bleiben. Die Scheu davor, das Wort ‚Trauma‘ auf sich anzuwenden, ist gross. Und doch, im Kern, geht es um DEIN Empfinden: Trauma heisst nämlich, dass auf emotionaler oder seelischer Ebene Herausforderungen begegnet wurden, die schwierig waren zu verarbeiten und es noch immer sind. Ganz wichtig ist auch: natürlich werde ich immer einer Frau begegnen können, deren Geburt (von aussen besehen!) noch schwieriger und herausfordernder war.

Aber: egal ob du von scheinbar eine Traumgeburt hattest oder nicht: es ist dein Empfinden das ausschlaggebend ist. Es braucht keine Komplikationen, um eine Geburt traumatisch zu erleben und nicht jede Geburt mit Komplikationen löst ein Trauma aus! Es braucht keine medizinische oder therapeutische Diagnose eines ‚Geburtstraumas‘ um Hilfe und Unterstützung für die Integration der Erfahrung suchen zu dürfen!


Von der mentalen Verarbeitung


Dass es Sinn macht, eine Geburt zu verarbeiten, kommt immer mehr in der Gesellschaft an. Zumindest die körperliche Verarbeitung, die aktive Rückbildung, ist landläufig als nötig akzeptiert. Oftmals vergessen wird aber die mentale Verarbeitung, die, wie man weiss, mindestens genauso wichtig ist. Denn dass unverarbeitete, belastende Ereignisse auf lange Sicht Einfluss auf den Körper und auf unser ganzes Leben haben können, ist heutzutage bekannt.

Solltest du beim Lesen dieses Textes merken: ich bin komplett im Frieden mit meiner Geburtserfahrung! Dann möchte ich dir von Herzen gratulieren. Du und dein Körper habt gemeinsam ein Wunder vollbracht und könnt jetzt davon zehren.

Solltest du beim Lesen dieses Textes allerdings merken, dass da etwas in dir ist, das sich zusammenzieht, das schwierige Gefühle wie Trauer, Wut, Hilflosigkeit aufkommen lässt, dann möchte ich dir ebenfalls von Herzen gratulieren! Denn diese Gefühle sind echt, wichtig und es ist stark von dir, sie dir einzugestehen.

Damit deine Geburtserfahrung auf lange Sicht für dich und auch dein Kind nährend sein kann; damit du Frieden mit der Erfahrung schliessen kannst; und irgendwann sagen kannst: ja, es lief nicht alles so wie geplant, es war aber trotz allem eine bereichernde Erfahrung! Empfehle ich dir als allererstes: Such dir jemenschen, mit dem du über das Ganze reden kannst. Sei das dein:e Partner:in, ein:e Freund:in, deine Hebamme, dein:e Ärzt:In oder einfach eine Person, die dir zuhört und dich ernst nimmt.

Und wenn du merkst, dass du ein bisschen mehr brauchst: Es gibt wunderbare Therapeut:innen in ganz vielen unterschiedlichen Therapierichtungen, die dich unterstützen können, um Frieden zu schliessen mit der Erfahrung des Gebärens. Es lohnt sich! Denn so kann dich deine Geburtserfahrung nähren, stärken, ermächtigen.

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